diplom-übersetzerin andrea fischer diplom-übersetzerin andrea fischer

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Clifton Tripp, Dawn:
„Salt River“, in: Ein Tag am Meer, marebuch bei Fischer, 2007

I.

Achtzig Jahre alt, sucht er allein in seinem Skiff draußen auf dem Fluss Venusmuscheln, wühlt im Schlick mit dieser langen schweren Zange, die sonst keiner mehr benutzt. Vom Fenster aus habe ich ihm zugeschaut, sein Körper lang, die Knochen niedergedrückt, die Schultern noch stark, stemmt er sich gegen die Wucht des Flusses, hievt die Zange hoch, spült den Schlick aus, legt sie über das Dollbord und verliest, was übrig bleibt, wirft Steine, Beifang fort, sortiert die Muscheln in Körbe. Eine hält er etwas länger in der Hand, dreht sie um, und sein Gelenk beugt sich, als sei etwas in ihrer Härte, ihrer Schwere, eine Gewissheit, die er kennt.

Einmal erzählte er mir von einem Mann, den er rettete, direkt hier vorn, am East Beach, wo er früher seine Hummerkörbe hatte; dichter Nebel war an dem Tag, schwere See, und ich höre einen rufen, konnte ihn zuerst nicht sehen, konnte die eigene Hand nicht vor Augen sehen, bin immer vor und zurück gegangen, bis ich über ihn stolperte, er hatte Angst, wusste nicht, dass er so nah am Ufer war.

Er wirft die Muschel, die er in der Hand hält, in den Korb, zieht an der Ankerleine. Das Boot bewegt sich einen Meter. Er verholt es, senkt die Zange über die Seite und beginnt von neuem, seine ausgestreckten Arme nähern sich einander, seine Lippen bewegen sich, ein Lied, stumm, die Blässe seines Gesichts unter dem Schirm der Kappe, beiläufige, unablässige Wörter fallen in den Fluss, und die Bojen neigen sich mit der Ebbe gen Westen, und er gräbt, von Bank zu Bank, von Feld zu Feld, hebt den Schlick wie Fleisch.

Sein einziger Sohn war Fischer wie er, war Fischer und starb auf See, als sein Boot genau vor der Flussmündung sank in einem Wintersturm.

II.

Ich gehe die Pine Hill Road hinauf und geselle mich zu ihm, wo die alte Steinmauer noch stets den Kurven des Hügels folgt, und ich lausche, wie er von den Erdbeeren spricht, die unweit unserer Füße durchkommen, und von den Blaubeeren hinterm Haus, die einst einen anderen Weg mit einem Indianernamen säumten, den längst keiner mehr kennt.

Da vorn runter zum Fluss, erzählt er mir, wo sie jetzt das neue Haus bauen, das war alles Hühnerhof, und das Stück Land, das dran entlangläuft, er weist mit langer Hand hinüber, da hab ich diese Pfeilspitzen gefunden – ein paar aus Quarz und Stein und eine aus Jade -, außerdem Werkzeug und Scherben, die hab ich oben in einer Holzkiste.

Wenn er erzählt, klingt seine Stimme wie über Stein rauschendes Wasser, ein Gemisch windgewiegter Tide, von Salz- und Süßwasser, und seine Stimme gräbt durch die Geschichten dieser brackigen Wunde – bekannte Geschichten, die eine unbekannte – das Leben ein Fluss, ein reißender Fluss.

Damals, als er jung war, sagt er, bevor er zur See ging, vor dem Krieg, da gab es einen Pfad durch die Farmen, da konnte man bis unten runter nach Horseneck gehen, gute neun Meilen, man lief einfach am Fluss lang, und im Wald konnte man jagen, und damals wusste jeder, wem das Land gehörte, über das man gerade ging.

Er erzählt, wie er nördlich von Hix’s Bridge an den kleinen sandigen Stellen Heringnetze ausbrachte und dass die beste Stelle für Hummerkörbe die Felsbank vor dem Buckel sei, vor Gooseberry, Schon im April, sagt er, kommen sie hier durch, daran können sich wohl nicht viel Leute erinnern, oder sie sind neu und wissen es halt nicht – in der Nähe des großen Felsens, den sieht man meistens nicht, diesen Felsen, nur das Wasser bricht sich dort ein bisschen.

Wenn die Apfelbäume blühen, kriechen die Hummer herum. Am Anfang setzt man die Körbe nah ans Ufer, da kann man eine Zeitlang schön fischen. Wenn’s wärmer wird, muss man weiter raus, ihnen ins kältere Wasser folgen.

Ich bleibe ein wenig länger, bin still, und er erzählt mir, dass er früher auf Schwertfischjagd seine Frau mitnahm, sie nach oben schickte, in den Masttop, damit sie sah, wo die Flossen durchbrachen, ist ein gutes Mädchen, ein dünnes Ding, bis heute. Er erzählt von der Jagd, dass sein größtes Rotwild zerlegt zweihundertfünfundsechzig Pfund auf die Waage brachte, und dass er einmal, als er hinter dem Haus Laub harkte, aus dem Augenwinkel etwas flitzen sah, so dunkel und schnell, dass er dachte, es wäre ein Fuchs, aber dann sah er, dass es ein Kitz war. Versteckte sich im Gras, hockte fast den ganzen Tag da, bis zum Abend, als die Mutter aus dem Wald kam, da hob das Kitz den Kopf aus dem hohen Gras und folgte ihr.

III.

Wenn er spricht, fließt zuweilen der Himmel in seinen Blick. Das sehe ich. Die seltsame, klare, verwitterte Einsamkeit, sein sonnengegerbtes Gesicht, die Stimme noch immer weich wie Wasser, und diese Ferne im Blick, als kenne er diese Ferne, als habe er sich den Weg hindurch gebahnt in die jähe Unversöhnlichkeit der Welt hinter dem Horizont

Ich stehe da und lausche. Ich beobachte seine Hand, die lange Kraft seiner Hand, noch immer greift sie durch die Luft, als könne er diese Welt an die nächste flechten, und dabei erzählt er mir, allein die Bahn, die die Wolken gerade zögen, über unseren Köpfen, reiche ihm schon, um zu wissen, dass die See bewegt sei da draußen, neun Meilen weiter, reiche ihm schon, um zu wissen, wie stark der Wind zu Mittag wehe. Es reiche schon, und seine Hand bewegt sich noch immer, doch nun langsamer durch die Stille, wie eine Antwort hält seine Hand die über ihr schwebenden Wolken, seine große lange Hand ausgestreckt, eine Fläche, über deren raue Schwielen und Risse der Wind streicht, Risse, in die grob die Zange biss, Fleisch zu sonnengegerbtem Fleisch, langer Körper, nun leicht aus dem Sonnenglanz gebeugt, und seine noch immer greifende Hand, tief in die Handfläche getriebene Furchen, seine Hand wie eine Antwort in der Stille, als wolle sie sagen, dass unter jeder Geschichte diese glatte, pochende Stille herrscht, unter jeder Geschichte die Geschichte der See.

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